MTZ klärt auf - Interview mit Jürgen Friedel
Stolpern, Wackeln, Unsicherheit beim Gehen – Gleichgewichtsstörungen sind längst keine reine Alterserscheinung, treten aber mit zunehmendem Lebensalter häufiger auf. Was viele nicht wissen: Gleichgewicht ist trainierbar – in jedem Alter. Und wer es regelmäßig trainiert, kann nicht nur Stürzen vorbeugen, sondern sich auch körperlich wie mental deutlich stabiler fühlen. Was genau hinter dem Gleichgewichtstraining steckt und warum es so wichtig ist, erklärt Sportwissenschaftler Jürgen Friedel im Experteninterview.
Jürgen, häufig wird das Thema "Gleichgewicht" vernachlässigt. Warum ist dieses Thema dennoch ein so wichtiges?
Jürgen Friedel: Gleichgewicht ist eine absolute Grundvoraussetzung für sicheres und selbstständiges Bewegen – egal ob beim Aufstehen vom Stuhl, beim Treppensteigen oder beim Gehen auf unebenem Untergrund. Ohne eine gute Gleichgewichtsfähigkeit steigt das Risiko für Stürze, Fehltritte und unbewusste Ausweichbewegungen, die zu Schmerzen oder Verletzungen führen können. Außerdem beeinflusst unser Gleichgewichtssystem auch unsere Körperhaltung, unsere Muskelspannung und sogar die geistige Aufmerksamkeit.
Viele denken ja, Gleichgewichtstraining sei nur was für ältere Menschen. Stimmt das?
Jürgen Friedel: Das ist ein weit verbreiteter Irrtum. Gleichgewicht ist in jedem Alter ein Thema, nur merkt man es oft erst, wenn es fehlt. Schon junge Menschen, die viel sitzen oder wenig aktiv sind, können ein eingeschränktes Gleichgewichtsgefühl entwickeln. Bei älteren Menschen wird es dann lediglich offensichtlicher, zum Beispiel durch Unsicherheit beim Gehen, häufiges Stolpern oder das Gefühl, „nicht mehr ganz standfest“ zu sein. Die gute Nachricht: Das lässt sich trainieren und zwar auch noch im hohen Alter.
Worum geht es beim Gleichgewichtstraining konkret?
Jürgen Friedel: Das Ziel des Trainings ist es, das Zusammenspiel von Gehirn, Gelenken und dem Gleichgewichtsorgan zu verbessern. Dabei wird insbesondere die sogenannte Propriozeption, folglich also die Fähigkeit, die eigene Körperlage im Raum zu erkennen, trainiert. Dies geschieht oft auch ohne aktiv hinzusehen. Hierbei können oft schon einfache Übungen, wie beispielsweise der Einbandstand, sehr hilfreich sein. Mit zunehmendem Trainingsfortschritt können dann auch komplexere Koordinationsübungen mit eingebaut werden. Entscheidend ist, dass der Körper regelmäßig mit Gleichgewichtsherausforderungen konfrontiert wird. Somit lernt dieser sich nach und nach immer besser zu stabilisieren.
Kann man Gleichgewicht überhaupt noch im Alter effektiv verbessern?
Jürgen Friedel: Absolut. Auch Menschen über 70 oder 80 können noch erstaunlich gute Fortschritte erzielen, wenn sie regelmäßig Gleichgewicht trainieren. Und es hat nicht nur körperliche Vorteile: Viele ältere Menschen gewinnen durch verbesserte Stabilität auch mehr Selbstvertrauen, mehr Bewegungsfreude und haben deutlich weniger Angst vor dem Hinfallen. Das hat enormen Einfluss auf die Lebensqualität.
Wie viel Aufwand muss man dafür betreiben?
Jürgen Friedel: Tatsächlich ist der zeitliche Aufwand geringer, als viele zunächst vermuten. Schon 5 bis 10 Minuten pro Tag können ausreichen, um das Gleichgewicht spürbar zu verbessern – vorausgesetzt, man bleibt konsequent dran. Der Schlüssel liegt nicht in der Länge, sondern in der Regelmäßigkeit der Übungen. Besonders effektiv ist es, wenn man kleine Einheiten gezielt in den Alltag integriert. So lässt sich beim Zähneputzen auf einem Bein stehen, beim Telefonieren auf einer instabilen Unterlage balancieren oder das Anziehen der Schuhe bewusst im Stehen üben. Diese kleinen Reize fördern die Reaktionsfähigkeit und trainieren die Tiefenmuskulatur ganz nebenbei. Darüber hinaus empfehle ich, das Gleichgewichtstraining als festen Bestandteil in ein umfassenderes Gesundheitstraining zu integrieren, idealerweise in Kombination mit Kraft- und Koordinationsübungen.
Jürgen, vielen Dank für das Interview.