MTZ klärt auf - Interview mit Tabea Kurz & Andi Kunz
Viele körperliche Probleme entwickeln sich lange, bevor sie spürbar werden. Wer früh hinschaut, kann gezielt gegensteuern und Ausfälle wirksam reduzieren. Doch worauf sollte besonders geachtet werden und wie lassen sich Lösungsansätze im Amateurbereich konkret umsetzen? Diese und weitere spannende Fragen beantworten Geschäftsführer Andi Kunz und Sportwissenschaftlerin Tabea Kurz im Experteninterview.
Andi, wie sieht in deiner Erfahrung der Alltag von Amateur-Trainern aus? Wie individuell kann man auf einzelne Spieler eingehen?
Andi Kunz: Du hast zwei, vielleicht drei Einheiten pro Woche und musst in der Zeit alles unterbringen: Taktik, Technik, Spielvorbereitung. Und gleichzeitig hast du eine Mannschaft mit ganz unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen, bei der häufig nicht alle vollzählig im Training sein können. Die Realität ist daher: Für individuelle Themen bleibt kaum Zeit. Und genau da entsteht nach meiner Einschätzung eine Lücke, die sich über die Saison hinweg bemerkbar macht.
Aber trainieren die Spieler nicht auch zusätzlich im Fitnessstudio?
Andi Kunz: Viele sicherlich schon. Und das ist vom Ansatz her absolut ein Vorteil. Denn die Motivation ist da, die Bereitschaft auch. Aber in der Praxis sehe ich oft: Es wird viel investiert – aber nicht gezielt. Klassisches Krafttraining, viel Oberkörper, „viel bringt viel“. Dabei bleiben entscheidende Faktoren oft unberücksichtigt, zum Beispiel Stabilität, Bewegungsqualität und Belastungsverträglichkeit. Gefährlich ist, dass man das am Anfang noch gar nicht merkt.
Was meinst du mit „am Anfang merkt man das nicht“?
Andi Kunz: Viele Spieler fühlen sich erstmal sogar besser. Sie sind fitter, stärker, haben ein gutes Gefühl. Doch nach einiger Zeit treten erste Beschwerden auf: die Schulter tut beim Werfen weh, es zieht im Knie, in der Leiste oder der Rücken macht Problem. So fängt die typische Spirale an.
Tabea Kurz: Genau das ist ein ganz entscheidender Punkt. Fehlbelastungen wirken oft schleichend. Der Körper kompensiert sehr lange und das auch ziemlich gut. Aber diese Kompensation hat ihren Preis. Und irgendwann zeigt sich das dann in Form von Schmerzen oder Verletzungen. Zu diesem Zeitpunkt bestehen die eigentlichen Ursachen meist schon seit längerer Zeit.
Heißt das, viele Probleme entstehen lange bevor sie sichtbar werden?
Tabea Kurz: Genau so ist das. Wir sehen in der Diagnostik häufig Defizite, obwohl der Spieler aktuell beschwerdefrei ist. Zum Beispiel Dysbalancen im Rumpfbereich, leichte Instabilitäten im Sprunggelenk, ungleiche Belastung zwischen beiden Beinen oder allgemeine Beweglichkeitsdefizite. All das sind keine akuten Probleme, aber potenzielle Risiken. Und wenn dann die Belastung in der Saison steigt, werden sie relevant.
Lasst mich raten: Und genau da kommt die Diagnostik ins Spiel?
Tabea Kurz: Ja, genau. Diagnostik bedeutet in dem Fall: Nicht warten, bis etwas weh tut, sondern früh erkennen, wo sich Probleme entwickeln könnten. Das ist der entscheidende Unterschied. Wir machen sichtbar, was im Alltag und im Training oft verborgen bleibt und schaffen damit die Grundlage, rechtzeitig gegenzusteuern.
Was bedeutet das konkret für den Trainingsalltag?
Andi Kunz: Das ist aus Trainersicht sehr wertvoll. Du bekommst Klarheit und zusammen mit dem Spieler konkrete Ansatzpunkte. An was muss gearbeitet werden. Was sollte der Spieler machen? Was sollte er lassen?
Tabea Kurz: Es geht auch nicht darum, den Trainingsplan komplett umzukrempeln. Sondern gezielt kleine Stellschrauben zu verändern, um eine entsprechende Wirkung zu erzielen. Also: kein „mehr“, sondern ein „besser“.
Welche Auswirkungen hat das auf die Saison eines Teams?
Andi Kunz: Am Ende geht es um Konstanz. Wenn dir regelmäßig Spieler fehlen, leidet nicht nur die Trainingsqualität, sondern auch der sportliche Erfolg.
Tabea Kurz: Wir werden nicht jede Verletzung verhindern können, und längere Ausfälle kann ein Team irgendwann gut kompensieren. Es sind doch aber genau diese wiederkehrenden, vermeidbaren Probleme, die Teams ausbremsen. Hier liegt ein riesiges Potenzial, das viele unterschätzen.
Jetzt reden wir ja aber von Amateursport. Sollte hier nicht der Spaß und weniger die Leistung im Vordergrund stehen?
Andi Kunz: Das darf jeder für sich betrachten. Aber gerade weil der Spaß so eine riesige Rolle im Amateurbereich spielt, ist es doch schade, wenn Spieler vielleicht irgendwann die Lust verlieren, weil sie ständig angeschlagen sind. Und dann geht es nicht mehr um Leistung oder Spaß, sondern darum, ob sie überhaupt noch kommen.
Tabea Kurz: Prävention bedeutet deshalb auch: Spieler langfristig im Sport halten. Gesundheit, Belastbarkeit, Spaß, Leistung und Erfolg hängen direkt zusammen.
Welche Verantwortung haben Trainer und Vereine in diesem Zusammenhang?
Andi Kunz: Uns Trainern und den Vereinen obliegt es, den Spielern Möglichkeiten zu geben, gesund zu bleiben. Für ihren Sport und für den Alltag. Aber auch die Spieler selbst sollten sich eigenverantwortlich um ihre Gesundheit kümmern.
Tabea Kurz: Ein verletzter Spieler fehlt nicht nur in Training und Wettkampf, sondern oft auch im Berufs- oder Studienalltag. Gerade deshalb ist die Prävention im Amateurbereich noch wichtiger. Und da sind meines Erachtens alle Akteure gleichermaßen gefragt.
Warum sollte man sich gerade jetzt zur Saisonvorbereitung damit beschäftigen?
Andi Kunz: Viele verkennen oft, dass es in der Vorbereitung nicht nur darum geht, die Leistungsfähigkeit zu steigern, sondern die Grundlagen zu schaffen, dass das eigene Team gut durch die Saison kommt. Die Umfänge sind bekanntlich hoch, die Spieler bereit, sich zu „quälen“. Darin liegt aber auch die Gefahr der Überlastung.
Tabea Kurz: Genau so ist es. Wenn Trainer und Spieler nun wissen, wo im Einzelnen Probleme auftauchen könnten, kann gezielt entlastet und alternativ trainiert werden. Das Ziel ist ein kontinuierliches Training in der Vorbereitung.
Am 02. Juli 2026 wird es im MTZ in Großwallstadt in diesem Zusammenhang einen Impulsabend zu den Themen „Schultergesundheit“ und „Beweglichkeit geben. An wen richtet sich das Angebot?“
Andi Kunz: Eingeladen sind insbesondere Trainer, Mannschaftsverantwortliche, aber natürlich auch interessierte Sportler. Es geht uns dabei nicht um langatmige Vorträge, sondern vielmehr darum, Wissen zugänglich zu machen und konkrete Ansätze zu liefern, die direkt im Trainingsalltag angewendet werden können. Zudem möchten wir eine Plattform für einen lösungsorientieren Austausch schaffen.
Tabea Kurz: Absolut. Es geht darum praxisnah aufzeigen, worauf es wirklich ankommt und zu verdeutlichen, wie einfach sich präventive Maßnahmen umsetzen lassen. Und dies sowohl im Alltag als auch in der Trainingshalle.
Tabea, Andi, vielen Dank für das Interview.