MTZ klärt auf - Interview mit Anna Jäger
Kraft, Schnelligkeit, Koordination, Stabilität. Athletiktraining vereint all diese Fähigkeiten in einem ganzheitlichen Konzept. Was früher vor allem im Leistungssport zu finden war, hält inzwischen auch in Gesundheitszentren immer mehr Einzug. Doch was genau steckt hinter dem Begriff, und ist Athletiktraining wirklich für jeden geeignet? Darüber sprechen wir mit Sportwissenschaftlerin und Physiotherapeutin Anna Jäger.
Anna, wenn von Athletiktraining die Rede ist, denken viele an Profisport. Was steckt tatsächlich dahinter?
Anna Jäger: Das ist richtig. Athletiktraining wird häufig mit Leistungssport gleichgesetzt. Dabei geht es im Kern gar nicht darum, Spitzensportlerinnen und -sportler noch schneller oder stärker zu machen, sondern um die optimale körperliche Grundlage für jede Bewegung. Athletiktraining umfasst Elemente aus Kraft-, Schnelligkeits-, Beweglichkeits- und Koordinationstraining. Ziel ist es, den Körper so zu schulen, dass er Bewegungen effizient, stabil und verletzungsfrei ausführen kann – ganz egal ob im Profisport oder beispielsweise im Alltag.
Was unterscheidet Athletiktraining von klassischem Krafttraining?
Anna Jäger: Der entscheidende Unterschied liegt im Funktionsgedanken. Während klassisches Krafttraining oft isolierte Muskelgruppen anspricht, betrachtet Athletiktraining den Körper als Ganzes. Es geht um das Zusammenspiel verschiedener Muskelketten, die Stabilität in komplexen Bewegungen und die Fähigkeit, Kräfte gezielt zu übertragen. Viele Übungen sind daher mehrdimensional, fordern Gleichgewicht, Reaktion und Bewegungssteuerung. Man trainiert also nicht nur Muskeln, sondern Bewegung.
Für wen ist dieser Trainingsansatz besonders geeignet?
Anna Jäger: Im Grunde für jede Person, die sich sicher, effizient und kraftvoll bewegen möchte. Besonders profitieren Sportlerinnen und Sportler, die ihre Leistung in anderen Disziplinen verbessern wollen – etwa Läufer, Fußballer oder Tennisspieler. Aber auch Freizeitsportler, die Rückenproblemen vorbeugen oder ihre allgemeine Fitness verbessern möchten, ziehen großen Nutzen daraus. In der Rehabilitation und im präventivem Gesundheitstraining wird Athletiktraining ebenfalls zunehmend eingesetzt, weil es hilft, Bewegungsmuster zu stabilisieren und Fehlbelastungen zu vermeiden. Aber auch im höheren Alter kann Athletiktraining sehr sinnvoll sein. Von zentraler Bedeutung ist hierbei immer, dass das Training individuell ausgerichtet und an die jeweiligen Voraussetzungen, das Leistungsniveau sowie die persönlichen Zielsetzungen angepasst wird.
Wie sieht ein typisches Athletiktraining aus?
Anna Jäger: Ein typisches Training besteht aus mehreren Komponenten. Zunächst geht es um Mobilität – also die Beweglichkeit der Gelenke. Darauf folgen Stabilitäts- und Kraftübungen, oft mit dem eigenen Körpergewicht, freien Gewichten oder instabilen Unterlagen. Später kommen schnellkräftige und koordinative Elemente hinzu, zum Beispiel Sprungübungen oder Reaktionsaufgaben. Wichtig ist die Kombination: Wir trainieren nicht nur einzelne Fähigkeiten, sondern die Verbindung zwischen ihnen. Genau das macht den Menschen „athletisch“.
Viele schrecken vor dem Begriff „Athletik“ zurück, weil er anspruchsvoll klingt. Ist das Training auch für Einsteiger geeignet?
Anna Jäger: Absolut. Athletiktraining bedeutet nicht automatisch Hochleistung. Es lässt sich sehr individuell anpassen, vom einfachen Gleichgewichtstraining bis hin zu intensiven Intervallformen. Entscheidend ist die Qualität der Bewegung, nicht die Intensität. Einsteiger profitieren besonders, weil sie von Beginn an funktionell und ganzheitlich trainieren. So entwickeln sie eine stabile Basis, auf der sie später aufbauen können. Ein weiterer Vorteil des Athletiktrainings liegt in seiner Alltagsnähe, da viele Bewegungen des täglichen Lebens mehrdimensional und koordinativ anspruchsvoll sind.
Welche Effekte lassen sich durch regelmäßiges Athletiktraining erzielen?
Anna Jäger: Zum einen natürlich eine bessere Körperkontrolle und Bewegungsqualität, zum anderen mehr Kraft, Schnelligkeit und Reaktionsfähigkeit. Viele berichten auch von einer verbesserten Haltung, weniger Schmerzen und einer größeren Leichtigkeit in Alltagsbewegungen. Nicht zu unterschätzen ist zudem der mentale Effekt: Wer spürt, dass er sich sicherer bewegt und leistungsfähiger wird, gewinnt an Selbstvertrauen, und das wirkt sich positiv auf Motivation und Lebensqualität aus.
Anna, vielen Dank für das Interview.